Das Offene Fenster freut sich sehr, die Paralympic-Legende Martin Braxenthaler als Gast begrüßen zu dürfen. In einem spannenden Interview erzählt der ehemalige Parasportler über seine persönlichen Erfahrungen mit seiner Behinderung im Sport und im Leben.

1. Magst du dich bitte kurz mit deinen eigenen Worten vorstellen und sagen, welche Behinderung du hast?
Ja, hallo! Mein Name ist Martin Braxenthaler. Ich komme aus einer kleinen Randgemeinde von Traunstein. Das ist ganz in der Nähe vom Chiemsee. Wenn man bei mir aus dem Fenster schaut, dann sieht man die Berge!
Ich bin 1972 geboren, also 53 Jahre alt. Ich habe seit einem Betriebsunfall im Jahr 1994 – vor 31 Jahren – ein Handicap. Aufgrund von einer mehrfachen Wirbelfraktur und einer Schädigung des Rückenmarks habe ich eine Querschnittlähmung. Diese ist so im mittleren Bereich des Rückens, so TH9, TH10. (TH: Thorakalsegment, Abschnitt des Rückenmarks).
2. Was hast du vor deinem Unfall gemacht?
Ich bin auf dem Bauernhof großgeworden und da lernt man alles. Ich habe früh meine Leidenschaft für diverse Mobilitätslösungen mit Fahrzeugen entdeckt und bin gelernter Kfz-Mechaniker. Ich wollte in diesem Bereich auch noch die eine oder andere Zusatzqualifikation erreichen, mit 22 Jahren hatte ich aber dann besagten Unfall. Das war zu Hause auf der Baustelle. Wir waren dabei etwas umzubauen und mir sind ein paar Ziegelsteine aus unglücklichen Umständen auf den Rücken gefallen. Dadurch hat sich natürlich mein Leben von heute auf morgen nachhaltig verändert.
3. Schränkt dich deine Behinderung im Leben ein? Wenn ja, wie?
Eine Einschränkung habe ich ohne Zweifel, weil ich aufgrund meiner Behinderung meine Beine nicht bewegen kann. Ich kann sie überhaupt nicht bewegen oder nutzen, das heißt, dass ich alle meine Wege des alltäglichen Lebens mit dem Rollstuhl zurücklege. Das ist ein eindeutiges Handicap, aber ich habe es geschafft, mein Leben so umzustellen und so zu verändern, dass ich ohne fremde Hilfe das tägliche Leben gut und locker meistern kann. Ich finde, da kann ich auch ein Stück stolz auf mich sein!
Ich bin mit dem Auto und mit sonstigen Gerätschaften wie ein Handbike mobil. Familienvater bin ich mit zwei Kindern, auch dieser Verantwortung werde ich gerecht. Wenn ich dann mal irgendwo eine Treppe oder eine Stufe nicht hochkomme, ist es dadurch vielleicht auch gar nicht so wichtig oder so schlimm. Dann muss ich halt mal jemanden fragen, ob man mir hilft. So kann ich auch mal zum Beispiel eine Treppe hochkommen.
4. Was waren deine ersten Gedanken, als du nach dem Unfall gemerkt hast, dass du querschnittsgelähmt bist?
Da ich bis zu dem Zeitpunkt meines Unfalls nur in kleinster Weise mit Menschen mit Behinderung zu tun hatte, war ich ja völlig überfordert. Ich wusste überhaupt nicht, was das bedeutet, was ich noch machen kann oder welche Möglichkeiten es gibt. Somit war ich in der neuen Lebenssituation, die sich ja von heute auf morgen eingestellt hatte, völlig überfordert. Ich hatte gar keinen Plan und auch nicht einmal eine Perspektive, in welche Richtung alles noch gehen könnte.
5. Gibt es Situationen, die du auf einmal im gesellschaftlichen Leben als schwierig oder belastend empfandest mit deiner Behinderung?
Ja, sicher! Ich war erst als Fußgänger unterwegs, wo die Barrieren des Alltags eigentlich nicht vorhanden sind … Sie sind zwar da, aber machen einem als gesunden Menschen nicht viel aus. Von heute auf morgen hat sich das für mich verändert, denn ich war plötzlich mit dem Rollstuhl unterwegs! Dazwischen lag zwar noch die Rehabilitationszeit, aber trotzdem darf man ja nicht vergessen, dass man als Mensch, der im Rollstuhl sitzt, die Welt aus einer vollkommen anderen Perspektive erlebt. Das heißt, das von Angesicht zu Angesicht, die Art und Weise sich zu unterhalten, schaut ganz anders aus. Alle Fußgängerinnen und Fußgänger sind immer noch gleich groß und ich bin jetzt irgendwo mit meinen Augen ca. auf 1,30 Meter. Die perspektivische Wahrnehmung verändert sich.
Ich hatte nie das große Problem mit meiner Behinderung. Das Problem liegt meistens bei denen, die mit Menschen mit Behinderung nicht umgehen können oder die ein Problem damit haben. Seien es Berührungsängste oder aus welchen Gründen auch immer. Als ich damals frisch gehandicapt unterwegs war und ich mit meiner neuen Situation ordentlich gefordert war, dann musste ich letztlich immer wieder die Initiative in Gesprächen übernehmen. Ich musste jedes Mal diese Mauer zwischen den Empfindungen einreißen, weil ich gespürt habe, dass die Person mir gegenüber ein Problem hat. Vielleicht nicht mit meiner Behinderung, sondern mit ihrer eigenen Situation, weil sie Berührungsängste, etc haben. Da muss ich immer wieder aktiv werden und den Leuten irgendwo gewisse Berührungsängste nehmen und das ist natürlich anstrengend. Den Menschen zeigen, dass auch wenn ich im Rollstuhl sitze, man sich mit mir ganz normal und vernünftig unterhalten kann. Man muss ja nicht immer gleich in die Mitleidsschiene gehen, denn ich kann ja auch nichts dafür, wenn es einem anderen Menschen gerade nicht so gut geht … oder meistens zumindest nicht. (Lacht).
6. Hast du dich als gesunder Mensch schon für Sport interessiert?
Ja, sicher! Bei uns hier im Voralpenland, da wächst man auf dem Land auf. Ich komme ja von einem Bauernhof, da wird man mit Sport und Bewegung groß. Dort fährt man traditionell mit dem Fahrrad zur Schule als Kind. Beim Nachbarn hinter dem Haus war ein Hang, da sind wir Ski gefahren. Im Sommer – wir haben hier wunderschöne Badeseen – geht man baden, man fährt Mountainbike auf den Bergen, auf die Almen, man fährt Rennrad …
Du hörst, ich war schon ein sehr begeisterter und vielseitiger Freizeitsportler. Irgendwelche Ambitionen in Richtung Leistungssport hatte ich allerdings nie.

7. Wie bist du genau zum Monoski gekommen und wie dazu Leistungssportler zu werden?
Ich habe damals in einer Fachzeitschrift für Körperbehinderte einen Bericht gelesen, dass es das Monoskifahren gibt. Ich war vorher schon ein begeisterter Freizeitskifahrer und habe mir gedacht: „Mensch, wenn ich mir das aneignen könnte, dann könnte ich mit meinen Kumpels wieder auf die Piste gehen.“ Das war eigentlich der Grund, warum ich mich dafür begonnen habe, zu interessieren. Ich glaube, in gewissen Lebenssituationen kommt man auch irgendwie unbeabsichtigt rein … Da liegt es dann oft einfach an gewissen Gegebenheiten oder Begegnungen und so lief es auch bei mir.
Ich habe einen Kurs gemacht bei einem damaligen Mitglied des Paralympics Skiteams. Er leitete in seiner Freizeit Skikurse. Er hat mir dann relativ früh ein gewisses Talent zugeschrieben und nicht aus den Augen gelassen. Er hat mich ein bisschen gefördert und irgendwann wurde ich zu einem Lehrgang eingeladen, um mit Skirennfahrern zu trainieren! Ich glaube, ich habe schnell gezeigt, dass ich mich gut weiterentwickele und so kam halt dann eins zum anderen, wie ich dir schon erzählt habe. Es ging sehr, sehr schnell … Fast unglaublich, wie schnell es ging.
Das war damals die Situation und die Zeit. Ich habe es genossen und ich habe es geschehen lassen. Ich habe auch unglaublich viel Glück gehabt in allen Bereichen. Ich wurde zum Beispiel verschont von Verletzungen und vieles, vieles mehr.
8. Als Berater und Mentor unterstütz du andere Menschen mit Behinderungen oder auch Unternehmen und Firmen. Welche Defizite siehst du im Punkt Inklusion generell in Deutschland und welche im deutschen Sport?
Das Thema Defizite in der Inklusion ist, glaube ich, ein sehr sensibles Thema. Für mich ist Inklusion, wenn man es schafft, im Rahmen der Gegebenheiten alle in unserer Gesellschaft zusammenleben zu lassen oder ihnen die Möglichkeit, die Voraussetzungen dazu zu geben. Sei es jetzt im kommunikativen Bereich, sei es im baulichen Bereich, wo auch immer.
Es gibt Barrieren wie Stufen, Treppen. Es gibt aber auch Barrieren, die in den Köpfen der Menschen sind. Es gibt Barrieren, die aufgrund von nicht vorhandener Information oder von Berührungsängsten in unserer Gesellschaft vorherrschen. Ich finde, man muss nicht Inklusion betreiben, sondern man muss Inklusion leben. Und Inklusion für mich ist, aus den Situationen das Beste zu machen. Vor allem muss man die Leute sensibilisieren, weil ich glaube, das ist die beste Basis, um Inklusion in die Gesellschaft zu bringen.
Davon abgesehen, finde ich, dass es bei öffentlichen Bauten und beim allgemeinen Wohnungsbau unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft ist, dass hier möglichst barrierefrei gearbeitet, geplant, umgesetzt und letztendlich auch gebaut wird.
Die Barrierefreiheit ist nicht nur für Menschen mit Behinderung wichtig, wie Rollstuhlfahrer, sondern extrem wichtig auch für Familien. Für Eltern mit Kinderwagen, für Kinder, aber auch für einen nicht unerheblichen Teil in unserer Gesellschaft. Die alternde Generation! Diese hat einfach den Wunsch, möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu bleiben oder zu wohnen, genau wie wir alle.
9. Du unterstützt verschiedene Projekte und Organisationen, die dir am Herzen liegen. Welche sind das und wieso?
Ich bin Botschafter für Laureus Sport for Good. Die Laureus-Stiftung stammt eigentlich aus dem großen Preis – aus dem Oscar des Sports – dem Laureus Sports World Award. Das ist eine sehr tolle Auszeichnung, die ich auch schon selber bekommen habe. (Lacht.) Die Laureus Sport for Good Stiftung setzt sich für benachteiligte Kinder in schwierigen Lebenssituationen ein. Sie unterstützt Projekte, die den Kindern über den Sport neue Perspektiven öffnen. Sie sollen diese zusammenführen, die Kinder in ihrer Entwicklung Fuß zu fassen, in der Gesellschaft sozialpädagogisch unterstützen. Auch sollen Kinder, die Möglichkeit haben, durch den Sport Werte zu erfahren und zu leben und somit irgendwann selbst Werte vorleben und weitergeben zu könne. Das unterstütze ich sehr aus Überzeugung, weil ich genau weiß, was Sport für Möglichkeiten öffnet. Abseits von Nationalitäten, von Hautfarbe, von Religionen verbindet Sport die Menschen. Vor allem muss es nicht immer alles Leistungssport sein. Ganz im Gegenteil! Der Breitensport ist das Wichtigste, weil der Breitensport die Masse ist, aus der auch der Leistungssport entsteht. Ich glaube, wenn alle Kinder dieser Welt Freude am Sport hätten, dann wäre vieles in unserer Welt viel einfacher und das ist mir persönlich extrem wichtig.
Andererseits bin ich mir meiner sozialen Verantwortung in meiner Heimat bewusst. Dort bin ich zweiter Vorsitzender beim Sportverein. Als Vorstand versuchen wir, den Sportverein weiterzuentwickeln, ihn zukunftsfähig zu machen und allerlei Probleme zu lösen. Ich bin dort Teil der Jugendleitung im Fußball. Ich sehe es nicht als unsere Aufgabe, Profikicker zu entwickeln, sondern soziale Arbeit zu leisten. Wir haben eine sehr kulturell geprägte Region hier bei uns im Chiemgau (in Südostbayern) und ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Amt als Teil der Vorstandschaft von einem Sportverein auf alle Fälle etwas leisten kann, um unseren Kindern Werte mit auf den Weg zu geben.

10. Findest du, Menschen mit Behinderung haben noch extra Herausforderungen im Sport beziehungsweise im Leistungssport?
Ja, ohne Zweifel! Da habe ich schon alles von dem einen oder anderen aus dem nicht behinderten Spitzensport gehört: Dass die Behinderten ja nicht so viel Konkurrenz haben oder dass bei denen ja alles viel leichter ist. Es sind nicht unbedingt immer nur die Athletinnen und Athleten, die solche Äußerungen von sich geben. Es sind auch Trainer, Manager etc. Dem muss ich immer klar widersprechen! Diese Leute müssen sich nämlich mal überlegen, dass ein Mensch mit Behinderung nicht nur Hochleistungssport betreibt, sondern auch das eigene Leben. Das bedeutet mit der Behinderung (oder schweren Behinderung) 24-7 jeden einzelnen Tag zu leben und nebenbei Hochleistungssport zu betreiben. Und eines ist auch klar, dass die meisten zum Beispiel es gar schaffen würden, mit einer Querschnittlähmung vernünftig zu leben. In diesen Fällen muss extrem viel vom Kopf herkommen und das schaffen wirklich nur wenige Menschen mit Behinderungen. Wenn du erst mal den Alltag bewältigst, dann musst du noch bereit dazu sein, dein tägliches Leben dem Leistungssport oder Spitzensport zu widmen, mit aller Energie, die irgendwie noch übrig bleibt.
Darum muss ich diesen Leuten immer sagen: Ja, es ist eine andere Voraussetzung, aber schließlich haben die Menschen ja eine Behinderung! Außerdem müsst ihr auf dem Schirm haben, dass diejenigen, die Leistungssport auf höchster Ebene und mit größtem Vorbild betrieben haben oder betreiben, schon noch mal einiges mehr leisten als gesunde Athletinnen und Athleten. Eben nebenher noch mit schweren Behinderungen leben. Das glaube ich, darf man nicht außer Acht lassen. Da ist es auch egal, ob jemand im Rollstuhl sitzt, eine Hand, ein Arm oder ein Bein fehlt, oder ob es eine andere Behinderung ist. Es ist den allergrößten Respekt wert, wenn letztlich eine Person kommt, die sagt, dass sie aus ihrer Situation mit einer Behinderung das Beste draus machen möchte und alles gibt, was sie hat. Für mit ist man dann (meistens ungewollt) ein großes Vorbild in unserer Gesellschaft – und das nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern auch ohne Behinderung.
11. Welche Eigenschaften braucht man deiner Meinung nach, um im Sport langfristig erfolgreich zu sein?
Man braucht – glaube ich – sehr viel Talent, Durchsetzungsvermögen aber auch gewisse Charakterzüge. Ich bringe es immer mit drei Werten auf den Punkt: Respekt, Fairness und Teamgeist. Ich glaube, nur dann kannst du dich nachhaltig irgendwo platzieren und auch vielleicht besser sein als die Konkurrenz.
Ich glaube, viele haben den Wunsch, das Talent und die Förderung, um im Sport einzusteigen. Vielen fehlt jedoch das Gen der bedingungslosen Hingabe für den Sport. Irgendwann wird mir schon klar, dass ich Großes erreichen kannst. Dafür muss ich aber auch alles investieren, was ich aufbringen kann. Das sind vor allem Dingen wie Energie, Disziplin, Kampfbereitschaft, Leidensfähigkeit und vieles, vieles mehr. Hierzu fällt mir ein Sprichwort ein: Das Schwierigste ist nicht der Beste zu werden. Das ist zwar unglaublich, aber es ist vielleicht nicht unbedingt das Allerschwierigste. Das Schwierigste und das Anspruchsvollste ist es, der Beste zu bleiben. (Lacht). Sobald ich der Beste bin, schauen ganz, ganz viele Leute – die auch die Besten sein wollen – was ich anders mache, was ich besser mache, warum ich es besser mache. Diesen anderen Sportlern und Sportlerinnen gibst du letztlich die Vorlage, dir nachzueifern und dementsprechend ach besser zu werden. Also werde ich der, dem alle nacheifern. Gleichzeitig muss ich wieder irgendwas finden, wobei ich mich wieder eine Stufe weiterentwickele, sodass ich die anderen wieder hinter mir lassen kann. Dieses Verständnis und auch das Geschick zu haben, dieses umsetzen zu können, ist eine Herausforderung. Das ist mir in meinen aktiven Jahren zum Glück ganz gut gelungen.
Das Offene Fenster bedankt sich bei Herrn Braxenthaler für seine Zeit. Wir sind ihm für die Einblicke in seinem Leben als Parasportler sehr dankbar und fühlen uns geehrt, diese mit den Schachspielenden dieser Welt als Inspiration und Anregung teilen zu können.
Martin Braxenthaler gehört zu den erfolgreichsten Sportlern der paralympischen Geschichte. Alleine zehn paralympische Goldmedaillen hat Braxenthaler in seiner mehr als 12-jährigen Karriere als Monoskifahrer gewonnen. Nach den Spielen 2010 in Vancouver hat er seine sportliche Laufbahn beendet, seitdem engagiert sich Braxenthaler in seinem sportlichen Umfeld und darüber hinaus. Er ist Trainer, Mentor und Vorbild im Bereich des sportlichen Nachwuchses und Frischverletzter, sowie auch von Menschen ohne Behinderung. Zugute kommt ihm dabei seine mehr als 25-jährige Lebenserfahrung als aktiver Rollstuhlfahrer.
https://www.martin-braxenthaler.de/







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